Stress beeinflusst unsere Gesundheit. Doch hat er auch Auswirkungen auf deine Chancen, schwanger zu werden? Das erfährst du in diesem Artikel.

Stress ist allgegenwärtig und wir alle kennen Stresssituationen – sei es der Alltagsstress, der sich in einer endlosen To-Do-Liste äussert, Stress im Beruf durch Deadlines und ein immer höheres Arbeitspensum und nicht zuletzt der Stress, (endlich) schwanger zu werden. Es gibt eine Reihe von Stressfaktoren, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind und die uns sowohl körperlich, als auch psychisch beeinflussen.

Zwar ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Alter, Lebensstil und der allgemeine Gesundheitszustand auf unsere Fruchtbarkeit auswirken; beim Thema Stress scheiden sich jedoch die Geister. Während einige Wissenschaftler:innen behaupten, Stress habe keinerlei Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, sind andere der Meinung, Stress sei sehr wohl ein entscheidender Faktor beim Schwangerwerden.

Um herauszufinden, was Stress genau ist und welche Auswirkungen er auf dein Reproduktionssystem und deinen Kinderwunsch hat, haben wir uns wissenschaftliche Studien angeschaut und wollen dir in diesem Artikel einen ausführlichen Überblick geben.

Was ist Stress?

Stress muss nicht zwangsläufig negativ sein. Es ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf Belastungen und Herausforderungen im Alltag. In kleinen Mengen kann er sogar unsere Leistungsfähigkeit steigern. Kurzfristiger, positiver Stress (Eustress) kann anregend und motivierend wirken. Anhaltender oder chronischer Stress (Distress) jedoch kann negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben.

Einfluss von Stress auf das Reproduktionssystem

Stress bewirkt die Ausschüttung der Stresshormone Kortisol und Adrenalin, die in unserem Körper eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslösen. Wenn Stress jedoch chronisch wird, können diese Hormone verschiedene Systeme im Körper, einschliesslich des Fortpflanzungssystems, beeinträchtigen.

Dies liegt daran, dass sich der Stress auf den Hypothalamus auswirken kann, einen Teil des Gehirns, der unter anderem für die Hormonausschüttung zuständig ist und folglich den Menstruationszyklus bzw. die Testosteronfreisetzung reguliert. Wenn der Hypothalamus durch Stress beeinflusst wird, kann dies Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit bei Frauen und Männern haben.

Auswirkungen von Stress auf die Fruchtbarkeit bei Frauen

In einer in den USA durchgeführten Studie haben 111 Teilnehmerinnen mit Kinderwunsch täglich ein Protokoll über ihr Stresslevel geführt. Bei Frauen, die angaben, hohem oder mässigem Stress ausgesetzt zu sein, gab es keinen Unterschied in der Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Allerdings gibt es immer mehr Belege zu negativen Auswirkungen auf die weibliche Fruchtbarkeit und damit verbundene Fertilitätsstörungen durch schwerwiegende belastende Lebensereignisse. Moderater Stress (Eustress) scheint bei gesunden Frauen jedoch keine negativen Auswirkungen auf ihre Chancen, schwanger zu werden, zu haben.

Eine andere Studie aus den USA ergab, dass Frauen mit hohen Alpha-Amylase-Werten, einem Enzym, das ein Indikator für das Stresslevel im Körper ist, länger brauchten, um schwanger zu werden und ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit hatten, als Frauen mit niedrigeren Werten.

Zu den Auswirkungen auf das weibliche Fortpflanzungssystem gehören:

  • Zyklusstörungen: Stress kann den Menstruationszyklus beeinflussen und zu unregelmässigen Perioden führen. Eine 2018 durchgeführte Studie ergab, dass depressive Symptome sowie empfundener Stress zu unregelmässigen Menstruationszyklen führen können, jedoch nicht die Länge des Zyklus beeinträchtigen.
  • Anovulation: Chronischer Stress kann nicht nur den Menstruationszyklus beeinträchtigen, was die Bestimmung des Eisprungs und der fruchtbaren Tage erschweren kann, sondern auch zu einem unregelmässigen oder ausbleibenden Eisprung (Anovulation) führen und so die Chancen auf eine Schwangerschaft verringern.
  • Verschlechterte Eizellqualität: Stress kann die Qualität der Eizellen beeinträchtigen. Einer Übersichtsarbeit zufolge kann psychischer Stress die Eizellreifung beeinträchtigen.
  • Einnistungsstörungen: Eines in Frontiers in Endocrinology veröffentlichten Artikels zufolge kann sich psychischer Stress auf den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut auswirken, was essentiell für die Einnistung der befruchteten Eizelle ist. Ist die Gebärmutterschleimhaut nicht hoch genug aufgebaut, ist die Einnistung erschwert oder sogar unmöglich.

Auswirkungen von Stress auf die Fruchtbarkeit bei Männern

Einer Übersichtsarbeit zufolge, in der klinische Studien zu Auswirkungen von psychologischem Stress auf die männliche Fruchtbarkeit gegenübergestellt wurden, geht Stress mit einer verminderten Zeugungsfähigkeit und abnormalen Spermaparametern einher. Psychischer Stress kann demzufolge die Bildung von Spermien stark beeinträchtigen, was vor allem auf eine veränderte Testosteronausschüttung zurückzuführen ist.

Zu den Auswirkungen auf das männliche Fortpflanzungssystem gehören:

  • Verminderte Spermienqualität: Chronischer Stress kann zu einer Abnahme der Spermienqualität (insbesondere Motilität und Morphologie) führen. In einer Studie fand man im Ejakulat von Männern, die im vergangenen Jahr zwei oder mehr belastende Ereignisse erlebt hatten, weniger bewegliche und normal geformte Spermien. Jedoch gab es keine Unterschiede bei der Spermienkonzentration.
  • Erektionsstörungen: In vielen Fällen ist eine Erektionsstörung (erektile Dysfunktion), insbesondere bei jüngeren Männern psychosomatisch, und kann auf Stress oder Depressionen zurückgeführt werden.

Einfluss von Stress auf Kinderwunschbehandlungen

Da sich Stress, insbesondere chronischer, langanhaltender Stress auf unser Reproduktionssystem und die Chance auf eine spontane Schwangerschaft auswirken kann, ist es eigentlich nur naheliegend, dass dies auch bei einer assistierten Reproduktion (früher als “künstliche Befruchtung” bezeichnet) der Fall ist. Denn nicht nur der Druck, schwanger zu werden, sondern auch die Kinderwunschbehandlung selbst kann zu Sorgen, Ängsten und Stress führen.

In einer 2019 veröffentlichten Studie wurde jedoch belegt, dass sich körperlicher und psychischer Stress nicht auf den Erfolg einer In-Vitro-Fertilisation (IVF) auswirken. Man fand sogar heraus, dass sich eine hohe Kortisolkonzentration in den Follikeln womöglich positiv auf die Schwangerschaftsrate auswirken könnte.

Auch eine frühere Übersichtsarbeit legt nahe, dass Stress, wenn überhaupt, nur begrenzt zu geringeren Schwangerschaftschancen im Rahmen einer assistierten Reproduktion führen könnte. Hierzu fehlen gegenwärtig noch genaue Studien, die den Einfluss von Stress auf den Erfolg einer IVF-Behandlung untersuchen.

Jedoch könnte Stress bei Männern einen grösseren Einfluss im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung spielen. Demnach steht der empfundene Stress bei der Abgabe einer Samenprobe in einem negativen Zusammenhang mit der Gesamtqualität des Spermas, wobei die Spermienkonzentration um 39 %, die Beweglichkeit um 48 % und die Gesamtparameter des Spermas am Tag der Eizellentnahme abnahmen. Unterschiede bei der Spermamenge und der Morphologie gab es allerdings nicht.

Stress in der Schwangerschaft

Auch in der Schwangerschaft kann zu viel Stress schädlich für die Mutter und das Ungeborene sein. Schwerer Stress scheint sich am stärksten auf die Geburt auszuwirken, wenn er früh in der Schwangerschaft auftritt. Es wurde festgestellt, dass erheblicher Stress um die Empfängnis herum (z. B. durch den Tod eines geliebten Menschen oder eine Scheidung) zu einem erhöhten Risiko führt, dass eine Frau ein Kind mit Herzfehler, Neuralrohrdefekt oder Lippenspalte zur Welt bringt. Ausserdem kann ein erhöhtes Stresslevel zu einer Fehlgeburt oder Frühgeburt führen.

Stressbewältigung zur Verbesserung der Fruchtbarkeit

Zu wissen, welche möglichen Auswirkungen Stress auf deine Fruchtbarkeit haben kann, ist bereits sehr viel wert. Die gute Nachricht ist, dass es verschiedene Strategien gibt, um Stress zu bewältigen und deine Chancen auf eine Schwangerschaft zu verbessern:

  1. Achtsamkeit und Entspannungstechniken: Entspannungsübungen wie Meditation, Atemübungen und Yoga können dir bei der Stressbewältigung helfen und dein allgemeines psychisches Wohlbefinden verbessern.
  2. Sport: Regelmässige körperliche Betätigung reduziert nachweislich das Stressniveau. Ausserdem kann dir Sport dabei helfen, ein gesundes Gewicht zu halten, was sich positiv auf deine Fruchtbarkeit auswirkt.
  3. Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann nicht nur deine allgemeine Gesundheit unterstützen, sondern auch deine Fruchtbarkeit positiv beeinflussen.
  4. Beratung und Unterstützung: Die Beratung durch Therapeut:innen oder eine Selbsthilfegruppe kann bei der Bewältigung der emotionalen Aspekte der Fruchtbarkeitsprobleme von grossem Nutzen sein.
  5. Selfcare: Wenn du Stressfaktoren, wie übermässige Arbeitsbelastung oder Beziehungskonflikte, verringerst, trägst du damit entscheidend zur Verbesserung deines emotionalen Wohlbefindens bei. Dabei solltest du versuchen, in erster Linie an dich selbst und deine mentale Gesundheit denken.
  6. Medizinische Hilfe: Wenn du das Gefühl hast, dass Stress deine Fruchtbarkeit stark beeinträchtigt, solltest du einen Gynäkologen/eine Gynäkologin oder Reproduktionsendokrinolog:innen aufsuchen, die dich individuell beraten und behandeln können.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Stress und Fruchtbarkeit ist noch nicht abschliessend geklärt. Daher können die Ergebnisse komplex und mitunter widersprüchlich sein. Stress hat zwar einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, ist aber meist nie die alleinige Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch.

Wenn du schwanger werden möchtest, solltest du dir immer wieder vor Augen führen, dass deine psychische Gesundheit genauso wichtig ist wie dein körperliches Wohlbefinden. Entspannungstechniken und ein gesunder Lebensstil können dir dabei helfen, deine Fruchtbarkeit und folglich deine Chancen auf eine Schwangerschaft zu verbessern. Falls du dir unschlüssig bist, inwieweit sich Stress auf deine Fruchtbarkeit auswirken kann, kann ein Arztbesuch sinnvoll sein, bei dem du alle deine Bedenken und Sorgen klären kannst und eventuell an Spezialist:innen verwiesen wirst.

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